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Harry Schröder
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Ein Buch über meine Vorfahren:

                                           Eine ganz normale

                   Familie Schröder

                 Bauern und Handwerker

            

....................

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Für meine Söhne

Dennis,

Patrick und

Marcel Schröder

Der Anfang ist zu Papier gebracht, nun warte ich auf Anregungen und Kritik:

Vorwort

Geschichte einer ganz normalen „Kleine-Leute-Familie“. Meine Ahnen waren keine Fürsten, Generäle oder Firmenimperium-Gründer. Die höchste bekannte militärische Laufbahn machte ein Onkel. Er war „Spieß“, also Kompanie-Feldwebel bei der Kavallerie im Zweiten Weltkrieg.

Es waren Bauern und Handwerker. Meine Eltern und ihre Geschwister waren Schlosser, Schneider usw. Meine Großväter und Urgroßväter waren Schmied, Maschinist, Stellmacher und Bauer. Unter ihren Vorvätern findet man heute teilweise unbekannte Berufe wie Einlieger, Arbeiter, Katenmann, Bütner, Weber oder Viertel-Hüfner. 

Woher kommen meine Vorfahren? Was haben sie erlebt und was hat sie geprägt?

So erlebte mein Urgroßvater in Rixdorf bei Berlin mit, wie ein Dorf, bei seiner Geburt mit ca. 8.000 Einwohnern, auf 250.000 Einwohner anwuchs. Als dann seine Frau starb, packte er alles ein, nahm seine Kinder und zog aufs Land in eine Kleinstadt mit ca. 3.000 Bewohnern. Warum? Um das nachvollziehen zu können, schildere ich ausführlich, wie aus dem Dorf Rixdorf die Stadt Neukölln wird.

Meine anderen Urgroßeltern wuchsen in Hessen am Vogelsberg auf. Die Menschen dieser Gegend waren so arm und die Zeiten so schlecht, dass zu Zeiten ihrer Eltern ein komplettes Nachbardorf seinen Grund und Boden samt ihren Häusern an einen Grafen verkauften. Und dann geschlossen in die USA auswanderte. In dem Tal, in dem das Dorf lag, haben seitdem keine Menschen mehr gesiedelt.

Nachdem meine Großeltern ausgewandert waren, hatten sie auf einmal, nach dem sie zwei Jahrzehnte in Posen (heute Polen) lebten, einen großen Bauernhof in Mecklenburg. Um das nachvollziehen zu können, zeige ich kurz die Germanisierungspolitik des Deutschen Reiches um die Jahrhundertwende auf.

Meine Urgroßeltern

Oma Jahn  war eine ganz liebe, nette, alte Frau, freundlich und lustig. Sie war ganz klein und ging sehr gebeugt. Auf dem Bauernhof meines Uropas hatte sie ein hartes Arbeitsleben geführt und zwei Söhne und ihre Stiefenkelin, meine Mutter, großgezogen. Sie war schon weit über 80 Jahre alt, als ich sie kennen lernte, und sie freute sich sehr, ihre Urenkel zu sehen. Meine Mutter brachte ihr immer, wenn sie zweimal im Jahr zu Besuch kam, Bier und geräucherten Aal mit. Beides durfte sie wegen ihrer Gesundheit eigentlich nicht essen oder trinken. Beides gehörte für sie zusammen. Aal war eigentlich viel zu fett für sie und sowieso normalerweise nicht zu bekommen. 

Meine Familie lebte zwar direkt an der Ostsee, aber es war ja DDR. Durch die Zwangswirtschaft wurde gefangener Fisch erstmal zur gerechten Verteilung ins Landesinnere geschafft und von dort ins ganze Land verteilt. So kam es, dass man direkt an der See nur über Beziehungen an frischen Fisch kam. Und Beziehungen hatte Oma Jahn nicht, aber meine Mutter. Obwohl vor fast zehn Jahren 600 Kilometer weit weg geflüchtet, konnte sie immer noch und auch für die nächsten zwanzig Jahre fast alles besorgen.

Es war so ein schönes Bild, dieser tapferen alten Frau zuzusehen, wie sie den Aal verspeiste. Sie brauchte nicht zu sagen, wie sehr sie sich freute und wie es ihr schmeckte, man sah es an ihren glücklich leuchtenden Augen. Wie man mit so einem vor Freude lachenden Mund überhaupt essen konnte, fragte ich mich.

Der Höhepunkt kam dann, als sie sich ihre Flasche Bier aufmachte und in ein Glas schüttete. Weil ihr das Bier pur zu bitter war, tat sie Zucker rein, wenn es dann durch das Schäumen fast wieder aus dem Glas sprudelte, freute sie sich wie ein kleines Kind und war glücklich.

Ich war so ca. zehn oder elf Jahre alt, als mein Bruder und ich mal mit durften, um sie zu besuchen. Wenn wir in der DDR waren, besuchte unsere Mutter viele unserer Verwandten und Bekannten alleine. Wir störten, weil wir als Kinder nicht so lange ruhig bleiben konnten, wie unsere Mutter meinte.

Beide Besuche habe ich nicht vergessen. Das erste Mal, weil ich mal wieder einen Clown zum Frühstück verspeist hatte. Meinem jüngeren Bruder, damals fünf oder sechs Jahre alt, wollte ich mal wieder ein Schauspiel bieten. Also sagte ich zu ihm, als Oma Jahn die Haustür aufmachte: Das ist eine Hexe, komm, wir laufen lieber schnell weg, und schon rannte der Blödmann voller Angst hinter mir her, um die nächste Hausecke herum und bibberte vor Angst. Nur ich Trottel musste mich ja vor der Hausecke noch mal umsehen und sah, wie Oma Jahn vor der Tür stand und gar nicht wusste, was denn überhaupt los war. Und Mutti stand da neben, ich möchte gar nicht wissen, was sie gedacht hat. Mir tat es sofort leid.

Selbst heute noch, über 40 Jahre später, tut es mir leid. Aber Oma Jahn lachte nur darüber, als ich ein Jahr später trotzdem wieder mit durfte, um sie zu besuchen. Das tat gut. Sie lachte mich nur an und streichelte mir übers Haar. Norbert, meinem jüngeren Bruder, streichelte sie auch übers Haar, der aber muckte und rührte sich sowieso nicht und guckte sehr ängstlich. Er dachte wohl immer noch an die Hexengeschichte.

Viele schöne, sehr alte Möbel und Zubehör standen in der Stube von Uroma Jahn. Eine einfache, sehr schöne, alte Wanduhr habe ich irgendwie geerbt, und die werde ich auch nicht wieder hergeben.

Für so eine alte, gebrechliche, hilflose Frau war es sehr sauber und ordentlich. Und im Flur gab es den typischen DDR-Bohnerwachsgeruch. Egal, wo man zu Besuch kam, immer der gleiche Geruch im Flur. Produktvielfalt war ein Fremdwort in der DDR.

Ich kann mich leider nicht erinnern, wie die Begrüßung und Verabschiedung zwischen meiner Mutter und ihrer Aufziehmutter, also Stiefoma, war. In unserer Familie ist es sowieso nicht üblich, Zuneigung und Liebe sehr körperbetont auszudrücken. Und ich konnte schon als Kleinkind das Abgeknutsche und –geschlabbere nicht leiden.

Gerade deswegen habe ich das bei meinen Söhnen ganz anders gemacht. Meinem ältesten Sohn musste ich dann, als er schon über zwanzig Jahre alt war, erstmal sagen: Auf die Wange einen Begrüßungskuss und Abschiedskuss, das reicht schon. Sollte nicht mehr auf den Mund sein. 

Meine Mutter verbrachte ihre gesamte Kindheit bei Uropa Franz Jahn, dem Vater ihres Vaters und seiner zweiten Frau Emma Jahn.

Gleichzeitig kümmerte sie sich um ihre beiden Onkel, Erwin und Egon Jahn. Die Brüder ihres Vaters, Nachkömmlinge von Uropa Jahn und seiner zweiten Frau, Uroma Emma Jahn. Der eine Onkel, Erwin, war acht Jahre älter und Egon ein Nachkömmling, bei seiner Geburt war meine Mutter schon elf Jahre alt.

Meine Oma, Lina Henkel, hatte meinen Opa, Werner Jahn, nicht heiraten wollen, weil er nicht reich war. Bei dem Plan, einen reichen Ehemann zu finden, störte natürlich auch meine Mutter, so kam sie zu ihren Großeltern, Franz und Emma Jahn.

Uropa Franz Friedrich Karl Jahn und Opa Werner Fritz Jahn waren beide Männer, die fast alles konnten und sehr gefragt waren. Gab es ein Bett zu bauen oder anderes zu reparieren, wurde das halt von Uropa gemacht. Er war gelernter Stellmacher. Also ein Handwerker, der Räder, Wagen und andere landwirtschaftliche Geräte aus Holz herstellt.

Da er handwerklich sehr geschickt war, hatte er ein schönes Haus in Stavenhagen gepachtet. Wie üblich, zur damaligen Zeit, gab es auf dem großen Grundstück rund um das Haus viel Platz um einen Nutzgarten zu bewirtschaften, der die Familie ernähren konnte. Auch Schweine und anderes Nutzvieh wurde dort gehalten. Dort war auch seine große Werkstatt, in der er Schränke und anderes baute, viele Dinge auch nur reparierte. Selbst wenn Leute Probleme mit der Elektrizität hatten, wurde er um Hilfe gebeten. Er war halt ein sehr begabter Handwerker. 

Er konnte alles, aber war, für die Zeit damals, ein typischer Familienvorstand. Wenn mal etwas nicht so passierte, wie er es wollte, so gab es auch schon mal Ohrfeigen, selbst für seine Frau oder Söhne und Töchter. 

Aber niemals für sein weißblondes Engelchen, seine Enkelin. Die hat er über alles geliebt. Schon mit vier Jahren stellte sich logischerweise meine Mutter, die Hände in die Seiten gestemmt, ihm in den Weg. Er hatte Uroma Jahn eine Ohrfeige gegeben, und es sollten eigentlich noch mehrere folgen.

Sie schimpfte mit ihrem Opa und der ließ tatsächlich von seiner Frau ab. Erstaunlicherweise schlug er nie wieder seine Frau.

Als sich seine kleine Enkelin schützend und voller Zorn vor ihre Oma gestellt hatte, muss es wohl eine Erkenntnis bei meinem Urgroßopa gegeben haben. Das hätte sich nur sein blondes Engelchen trauen dürfen.                                 

Deswegen gab es auch nur Geschimpfe für meine Mutter, als sie mit ca. sechs Jahren neun Puten ertränkte. 

Das kam so: Es wurden jedes Jahr, um die Haushaltskasse aufzubessern, Puten aufgezogen und gemästet. Die wurden dann vor Weihnachten auf dem Markt verkauft. Kaum geschlüpft, also noch mit gelbem Gefieder kamen sie auf den Bauernhof. Das blonde Engelchen dachte sich, dass die ja auch mal schwimmen müssten, 

Gänse, auch mit gelbem Gefieder, schwammen ja auch von Anfang an.

Also machte sie eine Zinkbadewanne voll Wasser und setzte die erste kleine Pute da hinein. Die ging aber unter und ertrank. Das blonde Engelchen dachte nur: Die ist ja doof, warum schwimmt die denn nicht und setzte die nächste Pute in die Wanne. Auch die ging unter. Die ist ja genauso doof wie die Andere, dachte sich meine Mutter.

Es waren ja noch sieben Puten da, die nächste ist bestimmt nicht so doof, dachte sich das versuchsfreudige Kind. Also wurde die nächste Pute in die Wanne gesetzt: Auch die ging unter, machte noch ein paar Luftbläschen und rührte sich dann nicht mehr.

Das kann doch gar nicht sein, dachte sich die kleine Gerda,
aber leider waren alle neun Puten so doof. Eine nach der Anderen ging unter und ertrank.

Selbst nach dieser Aktion gab es keine Strafe für das blonde Engelchen. Natürlich wurde geschimpft, es waren ja nicht nur die Puten tot, sie hatten auch für die damalige Zeit viel Geld gekostet. Und noch schlimmer war der entgangene Gewinn, der nun natürlich zu Weihnachten fehlte.

 

 

 

 

Anna Jahn,

meine Urgroßmutter,

ihre Töchter und mein

Großvater Werner Jahn

 

 

 

 

 

 

Ihr Vater Werner Fritz Jahn und ihre Großeltern Franz Friederich Karl Jahn und Anna Auguste Luise Jahn geb. Langner kamen aus Rixdorf bei Berlin.

Rixdorf war ein Dorf im Süden von Berlin. Im nahe gelegenen Berlin setzte damals die Industrialisierung ein, die innerhalb kurzer Zeit zu einem sprunghaften Anstieg der Einwohnerzahl durch zuwandernde Arbeitsuchende führte.

Dies löste gleichzeitig einen ersten Bauboom mit einer starken Nachfrage nach Baumaterialien aus, da die neuen Einwohner auch untergebracht werden mussten. Als Folge des ständigen Einwohnerzuwachses wurde städtischer Boden in der Stadt knapp. Das Interesse richtete sich auf die Gemeinden vor den Toren Berlins, zu denen auch die Gemeinde Rixdorf gehörte. Es wurden Bebauungspläne (u.a. Hobrechtplan von 1861) aufgestellt, die weit über die damaligen Stadtgrenzen hinausreichten, um eine aus Berliner Sicht geordnete Entwicklung zu gewährleisten. Auch wurde damit begonnen, flächenintensive, städtische Einrichtungen in die Vororte zu verlagern.

Eine erste urkundliche Erwähnung fand Rixdorf am 26. Juni 1360. An diesem Tag wurde ein Gutsbezirk des Johanniterordens mit Stallungen und Nebengebäuden per Gründungsurkunde zum Dorf "Richardsdorp" ernannt. Demnach war das Dorf zu dieser Zeit von 14 Familien mit etwa 50 Menschen bewohnt. Es lag sehr günstig an der alten Straße von Cölln nach Köpenick und war daher für die benachbarten Städte von großem Interesse.

Aufgrund der anhaltenden Grenzstreitigkeiten zwischen der Doppelstadt Berlin-Cölln und den umliegenden Dörfern, zu denen auch Rixdorf gehörte, wurde am 23.09.1435 das Besitztum der Johanniter an die Doppelstadt Berlin-Cölln verkauft.

Obwohl die Bevölkerung als Folge des Dreißigjährigen Krieges auf nur noch acht Bauern- und Kossätenfamilien dezimiert und die Höfe zerstört wurden, erholte sich das Dorf relativ schnell.

1709 vereinigten sich die beiden Städte Berlin und Cölln zur Stadt Berlin. Richardsdorf, später Rieksdorf, wurde ein Kämmereidorf Berlins. Zu jener Zeit siedelten böhmische Exilanten, die wegen ihres evangelischen Glaubens vertrieben worden waren, nach Zusage das Königs Friedrich Wilhelm I. in Berlin an. 1737 ließen sich 18 Familien der verfolgten Böhmen in Rixdorf nieder. Für die neuere Ansiedlung und das ältere Rixdorf bildeten sich später die Namen "Böhmisch-Rixdorf" und "Deutsch-Rixdorf" heraus. Der König hatte zuvor das Schultzen-Gerichte Riechsdorff mit den dazugehörigen fünf Hufen Ackerland käuflich erworben, die Äcker vom Schulzengut getrennt und den 18 böhmischen Familien kostenlos zur Verfügung gestellt.

 

Sie mussten sich verpflichten, Leinen- und Baumwollzeug für Berliner Fabrikanten herzustellen. Die Böhmen bauten auf Kosten des Königs Häuser mit Scheunen, erhielten jeweils zwei Pferde, zwei Kühe und Ackergerät sowie Lebensmittel. Anfangs lebten sie zurückgezogen von der deutschen Bevölkerung, auch wegen der fremden Sprache. Bis 1830 blieb tschechisch die Umgangssprache der böhmischen Rixdorfer. Noch bis 1910 gab es ältere Leute, die ausschließlich tschechisch sprachen.

Neben Rixdorf, auf der Hasenheide, eröffnete am 19. Juni 1811 Friedrich Ludwig Jahn hier den ersten Turnplatz in Preußen. Noch heute erinnert ein Denkmal am nördlichen Eingang des Parks an den so genannten „Turnvater“ und daran, dass die deutsche Turnbewegung hier ihren Anfang nahm. Der Name Hasenheide des heute noch bestehenden Parks, geht auf die Nutzung des Geländes als Hasengehege ab 1678 zurück. Der Große Kurfürst ging hier zur Jagd.

Ein schweres Brandunglück 1849 veränderte das Gesicht des Böhmischen Dorfes grundsätzlich.

Dem Brand waren nahezu alle Gebäude zum Opfer gefallen.

Lediglich das alte Schul- und Anstaltshaus und der Betsaal waren fast unversehrt geblieben.

Der Wiederaufbau der Häuser, der mit vereinten Kräften begonnen wurde, erfolgte jetzt in Massivbauweise. Die Häuser wurden im Gegensatz zu vorher traufständig entlang der Richardstraße errichtet, die Scheunen ebenso entlang der Kirchgasse. Einzige Ausnahme war das bis heute erhaltene Haus Richardstraße 80/81, das in der alten Form mit dem Giebel zur Straße wieder aufgebaut wurde. Die Büdnerhäuser aus der Kirchgasse wurden bis auf wenige Ausnahmen in die heutige Uthmannstraße verlegt. Das Dorf erholte sich schnell von den Folgen der Brandkatastrophe und wuchs in den folgenden Jahren weiter an.

Die Rixdorfer trotzten aber auch den vielen anderen Katastrophen. Was der Dreißigjährige Krieg nicht zerstörte, holte sich der ,,schwarze  Tod“. Plünderungen und Zerstörungen durch die Österreicher und russische Truppen im Siebenjährigen Krieg im Jahre 1757 überstanden sie genauso wie die Besetzung durch Napoleons Truppen 1806 und die Zerstörungen durch einen weiteren großen Brand 1803.

170 Tote betrauerte man alleine nach einer Choleraepidemie 1866 in dem inzwischen 6.513 Einwohner zählenden Rixdorf.

Am 1.Februar 1872 wurde die Brauerei Berliner Kindl als „Vereinsbrauerei Berliner Gastwirthe zu Berlin, Actien-Gesellschaft“ gegründet. Die acht vorausschauenden Männer, darunter sechs Gastwirte, brachten ein Grundkapital von 1 Million Thaler Preußisch Kurant zusammen und errichteten auf dem Rollberge in Rixdorf eine modern eingerichtete Brauerei, die am 19. Juli 1873 mit dem ersten öffentlichen Ausschank feierlich eröffnet wurde. 1910 wurde die Firma in „Berliner Kindl Brauerei Actiengesellschaft“ umbenannt.

Am 1.1.1874 wurden die bisher selbständigen Orte Deutsch und Böhmisch Rixdorf zur Einheitsgemeinde Rixdorf zusammengefasst, diese hatte dann 8.000 Einwohner.

Während die Umgebung noch ländlich geprägt war, wies der Ort schon einen städtischen Charakter auf, da die Mehrzahl der Einwohner Arbeiter in den z. B. am Kottbusser Damm entstandenen Fabriken waren. Schon im Folgejahr wohnten bereits ca. 15.300 Einwohner im Ort. Im April 1899 bildete Rixdorf als zweite Berliner Vorortgemeinde einen eigenen Stadtkreis. Es musste dafür 1 Mio. Mark Abfindung an den Kreis Teltow zahlen, von dem es sich trennte. 

Im gleichen Zeitraum verdichtete sich die Bebauung in Rixdorf. Durch die guten Verkehrsverbindungen in das angrenzende Berlin mit seinen vielen Fabriken wurde Rixdorf ein bevorzugter Wohnstandort für Arbeiter. Es entstanden dicht bebaute Grundstücke mit Vorderhäusern, teilweise Seitenflügeln und/oder Quergebäuden, einfachster Bausubstanz zur Unterbringung möglichst vieler Arbeiter. In den Höfen waren in Remisen und Schuppen, meist noch zusätzlich Gewerbebetriebe, untergebracht.

Die überwiegend vorhandenen "Stube-Küche-Wohnungen" hatten weder Bäder noch Innentoiletten; oft mussten sich die Mieter eines Hauses zwei oder drei Hoftoiletten teilen. Gleichzeitig wurden so hohe Mieten verlangt, dass die Miete einer Wohnung nur dann zu finanzieren war, wenn neben den Hauptmietern noch mehrere "Schlafburschen" einen Anteil zahlten. Die katastrophale sanitäre Ausstattung, die ständige Überbelegung der Wohnungen sowie eine fehlende Belüftung und Besonnung der Grundstücke hatten weit reichende negative Auswirkungen auf die Lebensbedingungen der Bewohner. Krankheiten breiteten sich schnell aus. Die Säuglings- und Kindersterblichkeit war erheblich höher als in anderen Wohnvierteln. Gewalt und Kriminalität waren an der Tagesordnung.

Die Bevölkerung wuchs von 90.422 im Jahre 1900 auf 101.740 nur zwei Jahre später.

1912 wurde, auch um dem Ruf Rixdorfs als Arbeiterquartier am Rande der Stadt Berlin entgegen zu wirken, Rixdorf in Neukölln umbenannt. Der Name Neukölln sollte einen Bezug zur alten Doppelstadt Berlin-Cölln herstellen. Neukölln zählte bereits 253.000 Einwohner. Die Umbenennung von „Rixdorf“ zu „Neukölln“ erfolgte mit Zustimmung von Kaiser Wilhelm II. an dessen 53. Geburtstag am 27. Januar 1912 und wurde von den Behörden deshalb beschlossen, weil Rixdorf mittlerweile für die Berliner zum Inbegriff frivoler Unterhaltung geworden war, der damalige – und zum Teil noch heute – populäre Gassenhauer von 1889: „In Rixdorf ist Musike:

Uff den Sonntag freu ick mir / Ja, denn jeht et 'raus zu ihr / ... In Rixdorf ist Musike ...“ bringt das zum Ausdruck. Seit den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde Rixdorf allzu sehr mit den Vorstellungen von Frohleben, Tanzfreude und lockeren Sitten verbunden. Von der Hasenheide bis zum Richardplatz schossen um 1900 Theater, Varietés, Tanzpaläste, aber auch diverse zwielichtige Spielstätten aus dem Boden. Das negative Image des Ortes sollte mit dem Namen abgestreift werden.

"Es braucht nur der Name erwähnt zu werden, überall begegnet man der Auffassung, dass es ein Ort sei, wo kein anständiger Mensch leben könne." So schrieb das Königliche Hauptsteueramt am 28. Januar 1908 über seinen Sitz in Rixdorf. Die betrübten Beamten klagten: Durch die billigen Mieten zögen "all jene Elemente" dorthin, die im Rest Berlins kein Auskommen fänden.

Im Ersten Weltkrieg fallen 6.600 Einwohner als Soldaten aus Neukölln/Rixdorf. Nach dem Ende des Krieges 1918 wird ein Arbeiter- und Soldatenrat (A- und S-Rat) unter Vorsitz des Arbeiters Haberland und des Sergeanten Herzog, später von Fritz Koch und Max Zirkel, gebildet. 1919 verbietet die Preußische Staatsregierung dem A- und S-Rat die Teilnahme an den Magistratssitzungen. Das wird durch den Einmarsch der 17. Infanteriedivision und die Verhängung des Belagerungszustandes durchgesetzt. Der Arbeiterrat wird aufgelöst.

Natürlich wurde auch Fußball in Rixdorf gespielt:

Tasmania wurde am 2. Juni 1900 zunächst als Rixdorfer TuFC Tasmania 1900 gegründet. Mit der Umbenennung der Stadt Rixdorf in Neukölln 1912 ändert auch der Verein seinen Namen in Neuköllner SC Tasmania. Der Verein stieg 1908 in die höchste Spielklasse auf. Als Neuling konnte Tas – so der Spitzname des Vereins – auf Anhieb die Verbands-meisterschaft gewinnen und diesen Titel in den folgenden zwei Spielzeiten erfolgreich verteidigen. Dadurch waren die Rixdorfer auch jeweils teilnahmeberechtigt zur Endrunde um die deutsche Meisterschaft. Während sie 1909 und 1911 jeweils im Viertelfinale scheiterte, erreichte die Mannschaft 1910 das Halbfinale.

Tasmania spielte in der Saison 1965/66 in der Bundesliga und war der erfolgloseste Verein der Bundesligageschichte.

Mit dem 1. Oktober 1920 wurde der Stadtkreis Neukölln nach Groß-Berlin eingemeindet.

Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Tot von Anna Jahn, siedelte die Familie aus Berlin nach Mecklenburg um. Für einen Stellmacher wie meinem Urgroßvater gab es auf dem Lande mehr Möglichkeiten. Und in Neukölln fühlte sich Franz Jahn nicht mehr wohl. Er wuchs in einem Dorf auf und nun war aus diesem Dorf eine der dicht besiedelsten Städte Deutschlands geworden. Deswegen zog er in eine Kleinstadt mitten in Mecklenburg: Stavenhagen hatte weniger Einwohner als Rixdorf zu Zeiten seiner Eltern, und es konnte ihm nicht die gleiche Entwicklung wie in Rixdorf einholen, es war keine größere Stadt in der Nähe.

Anna Auguste Luise Jahn, geb. Langner, war mit ihrer Familie aus Unruhstadt nach Rixdorf gekommen. Unruhstadt, heute Kargowa (auch Karge, Kargowo), ist eine Stadt mit heute 3.600 Einwohnern in Polen.

Die erste Erwähnung des Ortes Cargowo stammt aus dem Jahre 1360. Karge entwickelte sich zu einem Zentrum des bäuerlichen Handels und erhielt 1630 das Marktrecht verliehen. Der Marktflecken erhielt das Privileg zur Abhaltung von sechs Jahrmärkten. Die bekannten Karger Schweinemärkte brachten dem Ort im Volksmund den Namen Schweine-Karge ein.

1641 erwarb der Starost/Landrat von Gnesen, Christoph von Unruh, den Marktflecken Karge und gründete in unmittelbarer Nachbarschaft eine Siedlung für evangelische Glaubensflüchtlinge aus Schlesien, die seinen Namen erhielt.

 

Die beiden Orte verschmolzen schnell und 1661 erhielt Unruhstadt Stadtrecht. Die einheimische Bevölkerung benutzte statt des offiziellen Namens der Stadt auch weiterhin zumeist die kürzere Bezeichnung Karge.

1793 kam Unruhstadt zu Preußen, war dann zwischen 1807 bis 1815 kurzzeitig Teil des Herzogtums Warschau.

1818 wurde die Stadt Teil des preußischen Kreises Bomst und trat 1838 dem Kreis Züllichau-Schwiebus bei.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war Unruhstadt ein Zentrum der Tuchmacherei. Ende des 19. Jahrhunderts musste die Familie Langner Unruhstadt verlassen, wie vielen anderen Handwerkern wurde auch der Tuchmacherei durch die Industrialisierung ihre wirtschaftliche Grundlage entzogen. Natürlich landete die Familie wegen der günstigen Miete in Rixdorf. Der Vater bekam Arbeit in einer der zahllosen inzwischen entstandenen Fabriken.

Anfang des 20. Jahrhunderts trafen sich meine Urgroßeltern bei einer der zahlreichen Tanzveranstaltungen in Rixdorf und verliebten sich. Franz war nicht nur ein stattlicher Mann, er entstammte auch einer alteingessenen Familie und war somit eine „Gute Partie“. Anna Jahn schenkte ihrem Ehemann einen Sohn und zwei Töchter.

Franz Jahn hetzte durchs nächtliche Neukölln, gerade war er im Krankenhaus gewesen, Anna, seiner Frau, ging es immer schlechter. Was sollte jetzt nur werden? Die Straßen waren nur sehr spärlich beleuchtet. Aber in den Tanzpalästen und Spelunken war viel Betrieb. Die Geräusche der Musik und das Lachen drang bis auf die Straßen. Rixdorf war zur Vergnügungesmeile von Berlin aufgestiegen. Herabgesunken?
Da hatte es auch nicht geholfen, das ehemalige Dorf in Neukölln umzubenennen. Was waren das noch für Zeiten gewesen in seiner Jugend. Rixdorf war ein großes Dorf, beschaulich und gemütlich. Und jetzt, gerade 30 Jahre später: eine pulsierende Großstadt. Aber eine, in der nicht nur Vergnügungsviertel entstanden waren, sondern auch ganz viele und schlimme Mietskaseren mit Hinterhöfen, in die kein Licht fiel. Franz wollte schon hier weg, seine Kinder sollten hier nicht weiter aufwachsen. Aber Annas Familie wohnte auch hier und wollte nicht weg. Jetzt war sie sterbenskrank.
Da torkelten zwei Betrunkene auf ihn zu. Hinter ihnen eine Gruppe zwielichtiger Männer.

Sie fingen an die Betrunkenen zu schubsen, bis die schließlich zu Boden fielen. Nun wurden sie ausgeraubt.

Was sollte Franz machen? Seine Töchter und sein Sohn waren ganz alleine zuhause. Die Zeit, als Anna ins Krankenhaus musste, hatte nicht ausgereicht, seinen Eltern oder Schwiegereltern die Kinder zu bringen.Nach ihrem Tod hatte Franz Jahn seinen Kindern ein weiteres Aufwachsen in Rixdorf ersparen wollen, er verkaufte seine Erbanteile an den noch verbliebenen Grundstücken und kaufte sich einen kleinen Bauernhof in Mecklenburg. Zur Führung des Haushaltes und der Erziehung seiner Kinder stellte er eine Magd ein: Emma Werner. Schon bald entwickelte sich mehr als ein Dienstverhältnis, Franz und Emma heirateten und noch ein Sohn wurde geboren. Schon bald merkte Franz Jahn, dass er Handwerker war und kein Bauer. Der kleine Bauernhof reichte für die nun noch größere Familie und durch das teilweise Wegfallen der Arbeitskraft seiner Frau nicht aus, zusätzlich konnte auch sein ältester Sohn nicht mehr so viel helfen, da der eine Lehre als Schmied begonnen hatte. Also wurde der kleine Bauernhof wieder verkauft, dafür eine große Werkstatt gekauft und das schöne Haus in Stavenhagen gepachtet. Dort war Landwirtschaft als Nebenerwerb möglich.

Das an der Straße von Neubrandenburg nach Malchin gelegene Stavenhagen ist eine pommersche Gründung. Ritter Reinbern von Stove war mit dem Aufbau einer Siedlung beauftragt, als in dem

bisher von Slawen besiedelten Gebiet deutsche Orte gegründet wurden. Die Endung „hagen“ weist auf eine Siedlung hin, die durch Rodung von Wald entstand. Unter dem Namen "Stovenhage" wurde es 1230 erstmals erwähnt. Die Siedlung erhielt 1264 das Stadtrecht. Nach 1317 gehörte Stavenhagen zu Mecklenburg.

Setzte schon der 30-jährige Krieg Stavenhagen zu, so zerstörte ein Großbrand im Jahr 1727 die Stadt fast vollständig. Ein Schloss wurde im 17. Jahrhundert anstelle der früheren Burg errichtet. 1810 wurde im Rathaus der Schriftsteller Fritz Reuter geboren, und seit dem Jahre 1949 trägt Stavenhagen den Zusatz: „Reuterstadt“ Im Jahr 1864 bekam Stavenhagen einen Anschluss an das Eisenbahnnetz. Die 1913 in Betrieb genommene Kleinbahnstrecke Demmin-Stavenhagen wurde 1945 als Reparationsleistung (von der Sowjetunion) demontiert. In den Gründerjahren setzte die industrielle Entwicklung in Stavenhagen ein.

Die erste Lagerbierbrauerei Mecklenburgs wurde errichtet.

 

 

 

Eine Zuckerfabrik, eine Molkerei, ein Schlachthof, eine Dampfmühle, ein Sägewerk, eine Ziegelei, ein Elektrizitätswerk, ein Feuerwehrdepot und ein Krankenhaus wurden gebaut. Im Jahr 1928 erhielt die Stadt eine zentrale Wasserversorgung.

 

 

 

 

 

Mein Großvater Werner Jahn wurde in Rixdorf am 18.05.1907 geboren.

 

 

 

In der Mitte von Rixdorf gab es eine sehr alte Schmiede.

Die Schmiede wurde schon 1626 gegründet und besteht heute noch als Museumsschmiede. Auf meinen Großvater Werner Jahn hat diese Schmiede großen Eindruck gemacht, und so verwirklichte er seinen Wunsch und lernte in Stavenhagen Schmied.

 

 

 

 

 

 

Familie Henkel

Die Eltern der Mutter meiner Mutter, Karl Henkel, geboren am 19.12.1877 in Gelnhaar bei Büdingen in Hessen, und seine Frau Lina Repp, geboren am 23.01.1978 in Aulendiebach bei Ortenberg in Hessen, lernten sich Ende des 19. Jahrhunderts während eines Erntedankfestes in Büdingen kennen. Aulendiebach ist ein altes Töpferdorf. Nach den Überlieferungen ist der Ortsname Aulendiebach ein Synonym für „Töpfer am Bach“. Der Ort wurde als Wüstung 1270 erstmals urkundlich erwähnt und gehörte bis 1601 zu den zweiherrischen Dorfschaften. Eine „Wüstung“ ist eine aufgegebene Siedlung. Es wurden in dieser Gegend viele keltische Hügelgräber gefunden.

Die urkundliche Ersterwähnung als Katzendiebach fand am 15.06.1335 statt, dieses Datum gilt als Gründungsdatum Aulendiebachs. Im 14. Jahrhundert, als das heutige Aulendiebach noch Katzendiebach und Diebach hieß, war für Katzendiebach das Landgericht Ortenberg zuständig. Für den Diebacher Teil war das Landgericht Büdingen zuständig.

1820 kam Aulendiebach zum Amt Büdingen. Das Gotteshaus, ursprünglich eine St. Gerolfskapelle, stammt noch in wesentlichen Teilen aus dem 14. Jahrhundert. Die umfassenden Wehrmauern unterstreichen noch heute ihren Charakter als Wehrkirche.

Gelnhaar wurde erstmalig erwähnt in einer überlieferten Urkunde aus dem Jahre 1187, die Graf Berthold 11. von Nidda zugunsten der Johanniterkommende ausgestellt hat. Eine Besiedlung lässt sich aber schon 500 Jahre vorher nachweisen. Im Dreißigjährigen Krieg wurden alle Häuser geplündert, die Menschen waren gestorben, viele davon an der Pest, oder geflohen. Das ausgestorbene Dorf wurde erst langsam wieder besiedelt. 1832 hatte der Ort wieder 83 Einwohner.

Die Regen- und Dürrejahre des 19. Jahrhunderts vertrieben viele Bewohner aus Not. Sie wanderten aus an die Wolga, nach Ungarn, Brasilien und Nordamerika. Viele gingen auch in die aufstrebenden Industriemetropolen im Ruhrgebiet und in den Rhein-Main-Raum.

Meine Urgroßeltern siedelten nach Posen aus. Dort versuchte Preußen in seiner neuen Provinz den deutschen Bevölkerungsanteil zu erhöhen.

Ab 1886 sollte die „königlich preußische Ansiedlungskommission für Westpreußen und Posen“ den deutschen Bevölkerungsanteil in der (seit 1871) neuen Provinz Posen erhöhen. Diese Kommission wurde mit 100 Millionen Mark ausgestattet. Dieses Kapital wurde in den Jahren bis zum Ersten Weltkrieg um ca. das zehnfache aufgestockt. Sie kaufte verschuldete Güter, eigentlich sollte hauptsächlich von polnischen Adeligen Grund und Boden gekauft werden. Die Polen gründeten aber zur Sicherung des Grundbesitzes eine Landesbank (Bank Ziemski) und eine Genossenschaftsbank (Bank Społek Zarobkowych). Es gelang den Polen, mehr Grund und Boden aufzukaufen als die preußische Kommission.

 

Hauptsächlich wurden von der Kommission verschuldete Güter der deutschen Junker gekauft. Diese erzielten höhere Preise durch die Androhung, ihre Güter an die polnischen Genossenschaften zu verkaufen. Zwischen 1886 und 1906 gingen 220 Millionen Mark an deutsche Eigentümer und nur dreißig Millionen an polnische Grundbesitzer. Insgesamt gab die Kommission bis Kriegsausbruch etwa 1 Milliarde Mark aus.

 

Bis 1890 erhöhte sich der deutschsprachige Anteil an der Bevölkerung von 30 Prozent auf fast 38 Prozent. Um die Jahrhundertwende siedelten dann Karl und Lina Henkel nach Posen um. Sie erwarben einen Teil des Gutes in Schönherrnhausen. Gefördert durch die Ansiedlungspolitik der Kommission konnten sie sich das leisten. Dort wurde dann meine Oma Lina Henkel am 18.05.1910 geboren.

Der 1. Weltkrieg endete nicht überall 1918. In Posen begann am 27.12.1918 der Großpolnische Aufstand, der sich bis Februar 1919 auf die ganze Provinz ausweitete. Es gab Kämpfe der Polen gegen die preußische Oberherrschaft. Der Hass der Polen richtete sich aber nicht gegen die deutsche Bevölkerung, sondern gegen den preußischen Staat. Diese Kämpfe erreichten ihr Ziel: Posen und weite Teile der preußischen Provinz Posen wurden im Zuge des Versailler Vertrages dem restaurierten polnischen Staat ohne vorherige Volksabstimmung angegliedert.

In den Jahren 1919 bis 1923 verließen allein die Stadt Posen 50.000 der etwa 60.000 Deutschen.

Für meine Urgroßeltern Glück im Unglück. Sie verloren zwar ihre neue Heimat, aber sie bekamen als Ausgleich einen großen Bauernhof in Neubrandenburg, das lag nur etwas über 100 Kilometer entfernt in Mecklenburg.

Auch wenn der Hof sehr groß war und sehr viele Menschen aus der ganzen Umgebung dort Arbeit fanden, konnte meine Oma Lina Henkel und ihre uneheliche Tochter Gerda Henkel dort nicht wohnen. Einige Geschwister mit ihren Familien lebten schon dort, und es war natürlich unschicklich, dass die Tochter des Großbauern ein uneheliches Kind bekam. Deswegen erblickte meine Mutter bei anderen Verwandten am 18.09.1929 in Liessow, heute Stadtteil von Laage in Mecklenburg, das Licht der Welt.

 

 

 

Liessow, hervorgegangen aus einem Rundangerdorf, wurde erstmalig 1334 erwähnt.

 

 

Laage liegt südlich von Rostock im Recknitztal. Im Mittelalter verlief hier die Handelsstraße Via Regia. 1216 wurde eine Ansiedlung namens "Lauena" in

Schriftdokumenten erstmals erwähnt. Die mittelalterlichen Bezeichnungen für den Ort "Lauena" oder "Lawe" deuten darauf hin, dass sich hier ein Übergang über die Recknitz befand. Um 1270 besaß Laage bereits das Stadtrecht.

Ackerbürger und Handwerker prägten in den folgenden Jahrhunderten die Entwicklung. Um die Mitte des 13. Jahrhunderts begann der Bau der frühgotischen Stadtkirche. Im 14. Jahrhundert erhielt Laage einen Schutzwall. Wie so viele Städte erlebte auch Laage mehrere Feuersbrünste. Beim Stadtbrand 1569 fiel das Rathaus den Flammen zum Opfer. 1638, während des Dreißigjährigen Krieges, zündeten kaiserliche Truppen die Stadt an. Große Teile der Bebauung wurden dabei vernichtet. Dann folgte die Pest, die nur fünf Einwohner überlebten. Kaum erholt, kamen der Nordische Krieg und der Siebenjährige Krieg mit den Opfer bringenden Einquartierungen von Soldaten. 1712 hatte Zar Peter der Große sein Quartier in Laage. 1759 folgte wieder ein Stadtbrand, bei dem 63 Häuser und 24 Scheunen verbrannten. 

Die Stadt erholte sich von den Kriegen. 1768 erhielt Laage eine neue Stadtverfassung, die bis 1918 galt. 1829 wurde Laage durch den Bau der Chaussee Rostock-Neubrandenburg besser an das Verkehrsnetz angebunden. 1886 folgte der Eisenbahnanschluss. 1915 erhielt der Ort elektrisches Licht.

Meine Oma zog (wegen der „Schande“?) nach Rostock und meine Mutter kam zu den Eltern ihres Vaters nach Stavenhagen. Dort wuchs sie behütet und geliebt, aber hauptsächlich ohne ihre Eltern, auf.

Ihre Mutter sah sie das erste Mal zu ihrem zwölften Geburtstag wieder. Sie bekam ein Kaffeeservice geschenkt. Das ist zwar in den Wirren der Flucht 1958 verloren gegangen, aber meine Mutter bekam es Jahrzehnte später zurück, dazu aber später mehr.

Oma Lina Henkel lebte ja in Rostock, verstoßen von ihren Eltern, immer noch auf der Suche nach einem reichen Ehemann. Inzwischen ging der Zweite Weltkrieg ins zweite Jahr, und Lina Henkel suchte wieder den Kontakt zu ihren Eltern. Zu Kriegszeiten war es gut, die Lebensmittelrationierungen auf dem Lande aufzubessern.

Auf der Reise von Rostock nach Neubrandenburg lag Stavenhagen direkt auf dem Weg, und die anderen Großeltern ihrer Tochter hatten ja auch eine kleine Landwirtschaft. Den Vater, Werner Jahn, wusste sie in Hamburg lebend. So lohnte sich die Mühe mehrfach.

Immer in den Ferien besuchte meine Mutter ihre Großeltern in Neubrandenburg. Dort war alles viel größer als zuhause bei ihren anderen Großeltern, und es waren viel mehr Kinder dort. In Stavenhagen waren sehr viele Kinder ihrer Generation an Kinderkrankheiten verstorben, so fand sie da sehr wenige Spielkameraden, und in der Schule mussten mehrere Jahrgänge in einer Klasse unterrichtet werden. Viele Lehrer waren inzwischen auch zur Wehrmacht eingezogen worden.

 

In Neubrandenburg wurde sie von den anderen Kindern als Chef anerkannt. Weil sie wie ein blonder Engel aussah, weil sie so frech war oder weil sie die Enkeltochter des Großbauern war? Selbst größere Kinder ordneten sich unter.

Das blonde Engelchen sah ja auch  nur aus wie ein Engel, alle Kinder waren immer begeistert über ihre Einfälle. Sei es, dass sie sich Spiele ausdachte, Spiele, bei denen es wichtig war, dass jemand die Spielregeln erklärte oder erfand. Sei es, dass es wichtig war, Gruppen einzuteilen und Befehle zu erteilen, oder ganz einfach nur Streiche zu spielen und Unsinn zu machen.

Gerda konnte sich sicher sein, dass die fälligen    Bestrafungen für sie nur aus Geschimpfe bestehen würden. Sie wusste und fühlte sich geliebt und bekam nie Schläge, obwohl Schläge zur damaligen Zeit ganz normal waren.

Ihr Vater war nach Hamburg gezogen. Er wohnte in Hamburg Hammerbrock in der Frankenstraße. Werner Jahn war vom Kriegsdienst freigestellt, mit seinem Beruf als Schmied und seinen Kenntnissen und Fähigkeiten wurde er beim Bau von Schiffen auf der Werft Blohm & Voss gebraucht.

 

 

Gerda besuchte ihn und seine Frau, trotz des Krieges jedes Jahr. Ihr Vater holte sie dann vom Hauptbahnhof ab und sie gingen zu Fuß zur Frankenstraße. Ganz allein fuhr sie den weiten Weg mit der Eisenbahn, seit sie zehn Jahre alt war. Natürlich waren das einprägsame Erlebnisse für ein Kind. Und es prägte sie, sie war in so jungen Jahren schon sehr selbstständig. Das sollte ihr keine vier Jahre später sehr helfen.

Auch die Frau ihres Vaters, Anita, geborene Lütjens, schloss den kleinen, blonden Engel in ihr Herz. Gerda wunderte sich nur, dass bei Bombenalarm beide nicht den Bombenschutzkeller aufsuchten. Der Grund war, dass Anita Jahn hinkte, durch diesen körperlichen Fehler bedingt durfte sie nicht in den Schutzkeller, und ihr Ehemann blieb aus Solidarität und Liebe bei ihr. Leider führte das dann dazu, dass beide beim zweiten Großangriff der Royal Air Force in der Nacht vom 27. auf den 28. Juli 1943 auch nicht im Schutzbunker waren. In dieser Nacht wurden von den Alliierten 739 Bomber eingesetzt. Der Schwerpunkt der Bombenabwürfe lag in den Stadtteilen östlich der Innenstadt. Aus den Flächenbränden bildete sich wegen der ungewöhnlichen Wetterumstände, die in dieser Nacht über Hamburg herrschten, ein Feuersturm. Die orkanartigen Winde, die am Boden auftraten, fachten die umliegenden Brände weiter an. Die Stadtteile Rothenburgsort, Hammerbrook und Borgfelde wurden fast völlig zerstört, auch in Hamm, Eilbek, Hohenfelde, Barmbek und Wandsbek gab es größere Zerstörungen. Etwa 30.000 Menschen verloren bei diesem Angriff ihr Leben. Auch mein Großvater und seine Frau überlebten diese Nacht nicht. 

 

Hamburg Hammerbrock nach den Bombennächten

                                                         

                                          

  

 

 

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